DIE GESCHICHTE UNSERES HAUSES

Immer wieder, seitdem wir das Haus übernommen haben, tauchen hier und da alte Puzzlestücke und Erinnerungen auf - sei es durch Erzählungen der alten Nachbarn, aus Büchern oder aus Schriftstücken, die uns von Leuten aus der Umgebung vorbeigebracht werden. Aus diesen Puzzlestücken und Erinnerungen haben wir ein kleines Märchen über die Geschichte unseres Hauses geschrieben.

Es rührt uns immer wieder zu Herzen, dass wir dieses Haus zu dem machen können, was es heute ist und irgendwie schon immer war: ein internationaler Treffpunkt . Enjoy!

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Es war einmal ein sehr schlauer junger Mann, der André Mercier hieß. Er wurde 1913 in Genf in der Schweiz geboren und hatte zwei Schwestern. Die Familie war sehr gebildet und viele Musiker, Freidenker und Schriftsteller gingen in der Familie ein und aus. Der Familie gehörte ein großes, sehr schönes Haus namens "Vidollet" mitten in Genf. 

André wollte eigentlich Musik studieren und ein Orchester leiten, aber sein strenger Vater überredete ihn, sich lieber der Physik, der Philosophie und der Theologie zu widmen, was André dann auch tat.

An der französischen Sorbonne in Paris perfektionierte er seine Studien. Danach ging er nach Kopenhagen, um mit unter anderem Niels Bohr, Schüler von Albert Einstein, Physik zu studieren.

 

Eines Tages ergab es sich, dass er in Kopenhagen von einem dänischen Freund zu einem Konzert eingeladen wurde, welches an einem Samstag stattfand. André spielte Geige und liebte Musik, also sagte er zu. Da er aber die dänische Sprache noch nicht gut verstand, ging er nicht am Samstag hin, sondern am Freitag. Dort traf er auf eine junge dänische Pianistin, die Ruth-Marie Fossum hieß und dort Klavier spielte. Ruth-Marie wäre am Samstag nicht dort gewesen, und so kann man schon sagen, dass es das Schicksal war, was die beiden zusammenführte.

Ruth-Marie war die Tochter einer Klarinettistin, die an der königlichen dänischen Oper spielte, und begeisterte sich somit bereits sehr früh für die Musik. Sie wurde professionelle Pianistin und zusammen mit ihrer Schwester Edith, die Geige spielte, trafen sie sich oft mit Freunden und in der Familie, um Musik zu machen.

Ruth-Marie und André, die Dänin und der Schweizer, verliebten sich ineinander und heirateten 1939.

 

1960 fand André in einer Genfer Zeitung folgende Kleinanzeige: „Herrenhaus zur Renovierung an der Atlantikküste zu verkaufen“.

André suchte schon lange nach einem Platz, wo er seine Physikbücher schreiben und sich von seiner Arbeit als Professor an vielen Universitäten erholen konnte, und so fuhr er in die Vendée nach Frankreich, um sich das Jolly Château anzuschauen. Er verliebte sich auf den ersten Blick in das alte Herrenhaus, in dessen Hof Kühe standen und was seit dreissig Jahren langsam aber sicher dem Verfall preisgegeben war.

Als André zurück nach Bern kam, wo er mit Ruth lebte, sagte er zu ihr: „Ich habe ein Geschenk für Dich...“ Aber dieses Geschenk war keine Schachtel Pralinen, wie Ruth vielleicht gehofft hatte, sondern eine Ruine voll von Elfen, Trollen und Glühwürmchen. Tatsächlich konnte man den Himmel sehen, wenn man in dem Haus stand, denn an vielen Stellen war das Dach nicht mehr vorhanden. Es gab keine Fenster, keine Türen, kein Parkett und keine Bäume im Garten, dafür aber Weizen, der neben dem Haus gedieh. Mitten im Wohnzimmer wuchs ein Baum und die Kinder der umliegenden Dörfer nutzten die Ruine, um Verstecken zu spielen.

Nur die alten Mauern waren erhalten, mit dem großen Kamin in der Küche und seinem Brotbackofen. Mitten in der Ruine führte eine monumentale Treppe in die obere Etage, die wir bis heute benutzen. Unter dem Kamin im Esszimmer war ein Gemälde eines Pfluges zu sehen - das Wappen von Monsieur Jolly, der einst das Haus gebaut hatte.

 

Louis Pierre Jolly, der Erbauer unseres Hauses, war ein Zahnarzt und wurde 1770 im Nachbarort Le Givre geboren. Man erzählt sich, dass er in eine Dame verliebt war, die Choisy hiess, die aber seine Liebe nicht erwiderte und die er versuchte zu beeindrucken, indem er unser Haus baute. Niemand weiss, ob die Geschichte wahr ist, aber unser Haus gibt es wirklich.

Es wurde 1807 gebaut und war für die damalige Zeit sehr modern, mit Parkett, das auf Senkkästen lag, Abflussrohren und einer hübschen Dekoration. Das Behandlungszimmer für die Patienten befand sich dort, wo heute unsere Waschküche und der Heizungsraum ist. Über der Eingangstür kann man bis heute folgenden Schriftzug lesen:

"Joli sur Rabretière wurde 1807 nach den Plänen und für die Benutzung von Louis Pierre Joli gebaut."

Hinten, auf dem alten Grabstein in unserem Garten, unter dem Louis Pierre begraben liegt, findet sich folgende Inschrift:

"Louis Pierre Jolly (die Schreibweise des Namens änderte sich über die Jahre von Joli über Joly zu Jolly), erster Hausherr von Jolly sur Rabretière, gestorben am 22. August 1826 mit 56 Jahren". 

 

Man weiss bis heute nicht, ob Louis Pierre ein Freidenker oder ein Protestant war, aber es war André, der sein Grab in seinen und heute unseren Garten versetzen ließ. Louis Pierre wurde zwar ursprünglich auf seinen Ländereien um das Haus herum begraben, diese waren jedoch zu seinen Lebzeiten viel größer und gehörten nicht mehr zum Haus, als André dieses kaufte. Viele Bauern hatten 1962 bereits Parzellen der ursprünglichen Ländereien unter sich aufgeteilt. Die 7 Häuser, die sich rund um unser Haus befinden, wurden ursprünglich von Bediensteten bewohnt, die im und für das Jolly Château arbeiteten. Es gab Ställe, eine Hufschmiede und eine Ziegelei, die ein wenig abseits unseres Hauses lag. In den großen Längsflügeln unseres Hauses, die zur Hofseite zeigen, gab es Durchgänge in die anderen Innenhöfe. Diese Durchgänge kann man erahnen, wenn man im Yogaraum steht - dort kann man drei Balken erkennen, die über den alten Türen angebracht waren. 
André erwies also Louis Pierre die Ehre, sein Grab auf die übriggebliebenen Ländereien zu verlegen, die nun zum Haus gehörten und die heute unseren Garten bilden. Im hinteren Teil des Gartens kann man seitdem den beeindruckenden Grabstein sehen, unter dem Louis Pierre bis heute über das Haus wacht. Die Legende sagt, dass es in dem Grab einst einen goldenen Pflug gab...

 

André und Ruth kauften das Haus im August 1962. Seitdem trafen sich viele Freunde, Musikliebhaber und Gelehrte in dem Haus.

40 Jahre lang arbeiteten André und Ruth daran, das Haus zu einem internationalen Treffpunkt mit Menschen aus aller Herren Länder zu machen.

 

Und immer gab es Musik in dem Haus. André und Ruth gaben zwei Konzerte im Jolly Château – sie am Klavier, er an der Geige – im August 1975 und 1977, bei denen auch die Sängerin Inga Nielsen zugegen war, die später die Lieblingssängerin von Königin Margarethe von Dänemark wurde.

Unter den Freunden von André und Ruth gab es auch einen Astronomen, der ihnen die Sonnenuhr schenkte, die noch heute über der Tür auf unserer Terrasse hängt. Auf dieser steht: „TEMPUS FUGIT IRREPARABLE“, was soviel heisst wie „die Zeit fließt unwiederbringlich dahin“.

Aber auch wenn die Zeit unaufhaltsam vergeht, spielt das keine Rolle, da sie durch die Erinnerung an die Gastgeber dieses Ortes verewigt wird. Der Tod vereinte schließlich Ruth und André Ende der 90er Jahre, aber das Haus lebt durch sie und mit ihnen weiter und mit ihm die Erinnerungen, die wir versuchen, zu erhalten, so gut wir können.

Unser Haus, wie Damiens Großvater es 1962 vorfand.

Von link oben nach rechts unten: 

1. Unser Haus von der Gartenseite aus gesehen

2. Großer Kamin in der Küche

3. Anbau und Scheune, heute unser privates Appartement

4. Wohnzimmer

5. Die Zeitungsanzeige aus der Genfer Zeitung, über die Damiens Großvater unser Haus fand

6. Das Wappen von Monsieur Jolly (erhalten bis heute)

7. Decke im Fahrradzimmer

8., 9. und 10. Frontansicht mit Kuh

11. Inschrift über unserer Eingangstür

12. Frontansicht

13. Haupteingang